Ein Laufspiel, das zum Deutungsspiel wurde
Das Petit Lenormand entsteht nicht als Orakel. Es entsteht als Zeitvertreib für den Salon.
1799 lässt Johann Kaspar Hechtel in Nürnberg ein Spiel schützen, das er Das Spiel der Hoffnung nennt, verlegt bei G. P. J. Bieling. Das Prinzip ist das eines Laufspiels: sechsunddreißig Felder in einem Raster, Spielsteine, ein Würfel, ein Vorrücken von Feld zu Feld. Dieselben sechsunddreißig Bilder sind auf Karten gedruckt, sodass sich das Blatt auch als gewöhnliches Kartenspiel verwenden lässt. Die Zuschreibung an Hechtel hat der Forscher Detlev Hoffmann 1972 belegt, und das älteste bekannte Exemplar liegt im British Museum.
Der Wechsel zur Kartenlegerei kommt fast fünfzig Jahre später. Um 1846 setzen deutsche Drucker den Namen Marie Anne Adélaïde Lenormand (1772-1843) auf das Spiel, einer in der Zeit Napoleons berühmten französischen Kartenlegerin. Sie ist drei Jahre zuvor gestorben. Sie hat dieses Spiel nie gesehen, sie hat weder seine Bilder noch sein System geschaffen. Ein Name, der sich verkauft, gesetzt auf ein Produkt, das bereits bestand: die Aktion ist rein geschäftlich, und der Name ist geblieben.
Die Bildsprache, die heute jeder wiedererkennt, kommt noch von anderer Seite. Sie wird vom Dondorf aus Frankfurt festgelegt, um 1890 in Chromolithografie gedruckt. Blue Owl, Piatnik und Old Style stammen alle davon ab. Diese Linie legt die Szenen fest, die Bildausschnitte und vor allem den kleinen Spielkarteneinsatz in der Ecke jeder Karte.
Praktische Folge: das System, die Nummern, die Namen, die Entsprechungen und die Legemethoden gehören zu einem sehr belastbaren Gemeingut. Geschützt bleiben nur die Illustrationen moderner Ausgaben, die Texte heutiger Begleithefte und eingetragene Marken.
Was das Lenormand vom Tarot trennt
Genau hier gerät eine im Tarot geschulte Person regelmäßig auf die falsche Spur, wenn sie nicht aufpasst.
| Tarot de Marseille | Petit Lenormand | |
|---|---|---|
| Sinneinheit | die einzelne Karte | das Kartenpaar |
| Deutungsweise | symbolisch, assoziativ | wörtlich, grammatisch |
| Einzelne Karte | deutbar, meditierbar | gibt nur ein Wort |
| Umkehrungen | üblich | nicht vorhanden |
| Kartenzahl | 78 | 36 |
Vier Regeln genügen, um die Mechanik zu beschreiben.
Das Lenormand wird wie ein Satz gelesen. Jede Karte ist ein Wort: ein Substantiv, ein Verb, ein Adjektiv. Sie ist keine Figur zur Betrachtung. Man schreibt nie „diese Karte lädt dich ein, über etwas nachzudenken”, man schreibt „diese Karte benennt”.
Das Paar ist Substantiv plus nähere Bestimmung. In einem Paar ist die erste Karte das Substantiv, die zweite die nähere Bestimmung. Beide verschmelzen zu einem einzigen, konkreten Ausdruck. Die Reihenfolge ändert den Sinn: Der Fuchs gefolgt von Der Brief spricht von einem täuschenden Schreiben, während der Brief gefolgt vom Fuchs von einer Nachricht spricht, die die Arbeit betrifft. Davon handelt die Seite Deutung in Kombinationen.
Eine Karte wird nie allein gedeutet. Das isolierte Schlüsselwort ist keine Deutung, es ist ein Wörterbucheintrag. Der Reiter sagt, dass etwas eintrifft, er sagt weder was noch ob es günstig ist. Das Urteil kommt immer von der Nachbarkarte. Deshalb ist die Dreierreihe das kleinste brauchbare Format, nicht die Einzelkarte.
Es gibt keine Umkehrung. Die große Mehrheit der Praktizierenden deutet keine verkehrt liegenden Karten. Eine schwierige Karte bleibt es ihrer Natur nach, nicht ihrer Lage wegen. Keine Seite dieses Moduls beschreibt daher eine umgekehrte Bedeutung.
Die Schule, der RunAstra folgt
Die Schlüsselwörter des Lenormand sind nicht allgemeingültig. Es gibt eine französische Schule, eine deutsche Schule mit ihren schweizerischen und österreichischen Zweigen, eine niederländische und eine russische Schule, und sie weichen tatsächlich voneinander ab, nicht nur in Nuancen.
RunAstra folgt der deutschen Schule in der Linie Dondorf. Dafür gibt es zwei nachprüfbare Gründe.
Erstens ist es die am besten dokumentierte Tradition, die des Ursprungslandes, in dem die Praxis nie abgerissen ist. Zweitens ist sie als einzige mit den Spielkarteneinsätzen stimmig. Diese kleinen Einsätze sind nicht dekorativ: sie binden das Blatt an das Piketspiel aus sechsunddreißig Karten, und diese Entsprechung lenkt die Deutung mit. Eine Schule, die sie übergeht, kann einer Karte ein Schlüsselwort zuweisen, das ihrer Farbe widerspricht, was für sich genommen kein Problem ist, aber unstimmig wird, sobald der Einsatz mit abgebildet ist.
Diese Festlegung muss ausdrücklich benannt werden, sonst könnte jede praktizierende Person die Schlüsselwörter des Moduls bestreiten, und sie hätte recht. Wenn du in der französischen oder niederländischen Schule arbeitest, werden dir einzelne Einträge verschoben vorkommen: das ist zu erwarten und der Preis eines Moduls, das sich für eine Tradition entscheidet, statt vier zu vermischen.
Noch eine Namensfalle, solange wir dabei sind: die Karte 2 heißt Der Klee und entspricht der Karo Sechs, nicht einer Kreuz-Karte. Die Farbe lässt sich nie aus dem Namen der Karte ableiten. Dass die Karte 36, Das Kreuz, tatsächlich der Kreuz Sechs entspricht, ist ein Zufall und keine Regel.
Die 36 Karten des Petit Lenormand
Jede Zeile führt zur Seite der Karte: ihr zentrales Wort, ihr Spielkarteneinsatz, ihre Kombinationen und ihr Sinn als Haus der Großen Tafel.
| Nr | Karte | Spielkarte |
|---|---|---|
| 1 | Der Reiter | Herz Neun |
| 2 | Der Klee | Karo Sechs |
| 3 | Das Schiff | Pik Zehn |
| 4 | Das Haus | Herz König |
| 5 | Der Baum | Herz Sieben |
| 6 | Die Wolken | Kreuz König |
| 7 | Die Schlange | Kreuz Dame |
| 8 | Der Sarg | Karo Neun |
| 9 | Der Blumenstrauß | Pik Dame |
| 10 | Die Sense | Karo Bube |
| 11 | Die Rute | Kreuz Bube |
| 12 | Die Vögel | Karo Sieben |
| 13 | Das Kind | Pik Bube |
| 14 | Der Fuchs | Kreuz Neun |
| 15 | Der Bär | Kreuz Zehn |
| 16 | Die Sterne | Herz Sechs |
| 17 | Der Storch | Herz Dame |
| 18 | Der Hund | Herz Zehn |
| 19 | Der Turm | Pik Sechs |
| 20 | Der Park | Pik Acht |
| 21 | Der Berg | Kreuz Acht |
| 22 | Der Weg | Karo Dame |
| 23 | Die Mäuse | Kreuz Sieben |
| 24 | Das Herz | Herz Bube |
| 25 | Der Ring | Kreuz Ass |
| 26 | Das Buch | Karo Zehn |
| 27 | Der Brief | Pik Sieben |
| 28 | Der Herr | Herz Ass |
| 29 | Die Dame | Pik Ass |
| 30 | Die Lilien | Pik König |
| 31 | Die Sonne | Karo Ass |
| 32 | Der Mond | Herz Acht |
| 33 | Der Schlüssel | Karo Acht |
| 34 | Die Fische | Karo König |
| 35 | Der Anker | Pik Neun |
| 36 | Das Kreuz | Kreuz Sechs |
Die sechsunddreißig Einsätze bilden genau ein Piketspiel: neun Ränge, vier Farben, jede Verbindung genau einmal vorhanden. Es ist dieser Test auf Eindeutigkeit, nicht die Übereinstimmung von Quellen, der diese Tabelle sicher macht. Mehrere im Netz kursierende Tabellen bestehen ihn nicht.
Zwei Karten haben einen Sonderstatus. Der Herr, Karte 28, und Die Dame, Karte 29, sind die Personenkarten: sie stehen für die Person, für die gelegt wird, und die gesamte Geometrie einer Tafel ordnet sich um ihre Position.
Wie es weitergeht
Sechs Methodenseiten ergänzen diese hier, von der einfachsten bis zur anspruchsvollsten.
- Die Deutung in Kombinationen: die Grammatik der Paare, die Reihenfolge der Karten, die Ketten aus drei und mehr Karten. Vor allem anderen zu lesen.
- Die Dreierlegung: das kleinste brauchbare Format, mit dem man einsteigt.
- Die Kreuzlegung: ein kurzes Format, das sich um eine zentrale Position ordnet.
- Die Kleine Tafel 3x3: neun Karten im Raster, die erste echte Geometrie.
- Die Große Tafel: sechsunddreißig Karten auf einen Schlag, ihre drei Formate, ihre Achsen und ihre Deutungstechniken.
- Die 36 Häuser: was jede Position der Tafel für sich bedeutet.